‘Selected artists award 2010′ NGBK, Berlin 2011


Text by Heinz Stahlhut, from the 2011 “Berliner Senat Arbeitsstipendium” catalog.

Dem flüchtigen Beobachter scheinen die jüngsten Arbeiten Amir Fattals der Ästhetik der Minimal Art verpflichtet: Materialien der industriellen Massenproduktion, glatte, reflektierende oder semitransparente Oberflächen, formal vereinfachte, vorfabrizierte Elemente in serieller Reihung, Beleuchtungskörper, die ihre Materialität durch die Wirkung des Lichts transzendieren – alles strahlt die anonyme, kühle, nahezu aseptische Reinheit der Arbeiten von Künstlern wie Donald Judd, Dan Flavin und Larry Bell aus. Mit ihrer Distanznahme von der individuellen Handschrift und den Materialschlachten des Abstrakten Expressionsmus beeinflussten die Minimalisten zahlreiche Künstler der nachfolgenden Generationen von Dan Graham bis Liam Gillick und eben auch Amir Fattal. Bei seinen raumgreifenden Installationen dient die formale Reduktion ebenfalls dazu, die Aufmerksamkeit auf diejenigen Phänomene zu lenken, die sich zwischen Werk und Betrachter ereignen. Ein zentrales Element ist bei Werken wie „Let your demons in, let your demons out“ die Erfahrung der eigenen Situierung im Raum. Leise klingt bei Fattals Arbeiten jedoch auch an, dass die Ästhetik der mit hohem politischen Anspruch angetretenen Minimal Art inzwischen längst vom Produktdesign absorbiert ist.

Das noch Wichtigere, das sich allerdings erst dem aufmerksamen Blick enthüllt, ist, dass alle Plastiken Fattals aus Fundstücken bestehen. Benutzungs- und Alterungsspuren der Materialien setzen Werke wie die aus Badezimmerspiegelschränken arrangierte, an Constantin Brancusis Endlose Säule erinnernde „Column“ von den geschichtslos-perfekten Arbeiten der Minimal Art ab und stellen sie in die Tradition des Nouveau Réalisme mit seinen affektiv zu besetzenden Objekten, die den Betrachter zu Spurensuche und Erinnerung einladen. Fattal selbst schreibt zu seinen Arbeiten: „Als Basis für diese Objekte dienen Lampen, die ich innerhalb der letzten drei Jahre in Berlin sammelte. Ein Großteil der Leuchtkörper stammt von Organisationen, die sich um die Hinterlassenschaft Verstorbener kümmert. Sie alle teilen die gleiche Ästhetik, die auf die 60er und 70er Jahre der DDR zurückgeht: Eine eigene Art von Geschichtsschreibung der Stadt Berlin.“

So sind die jüngsten Arbeiten Fattals einerseits eine Weiterentwicklung früherer Werke. Darin schuf er mit Mobiliar aus der Hinterlassenschaft schwuler Männer Installationen, die auf vielfältige Weise deren Situation thematisierten: Mit ihren Windungen und diversen Öffnungen erinnerten sie auf einer ersten Ebene an Körperliches; zugleich wurden durch die Öffnungen, in die der Betrachter hineinzuschauen verlockt wurde, auch Aspekte des Privaten, Verborgenen und des Ausgesetztseins thematisiert; dabei waren diese Aspekte nie eindeutig thematisiert; denn die Arbeiten konnten sowohl als Anspielung auf sexuelle Praktiken in der Schwulenszene als auch auf die Situation vieler Schwuler gelten.

Auch die neueren Arbeiten zeichnen sich durch diese Vieldeutigkeit aus, sind sie doch zugleich spezifisches Objekt zwischen Sockel und Skulptur und Memorial für all die aus der Geschichte gefallenen, zuweist unbeweint Verstorbenen.

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